
Artikel
CED im Alter
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) treffen immer mehr ältere Menschen. Doch oft werden CED nicht erkannt oder falsch diagnostiziert. Was hinter der Krankheit steckt und was Betroffene tun können.
Klaus Becker kann sich das nicht erklären: Immer häufiger leidet der 72-Jährige an Durchfall und Bauchschmerzen. Zunächst glaubt er an eine harmlose Magen-Darm-Verstimmung. Doch die Beschwerden verschwinden auch nach Wochen nicht und er verliert immer mehr Gewicht. Sein Hausarzt diagnostiziert ein Reizdarmsyndrom und rät Becker zu Schonkost. Doch das hilft nicht. Ganz im Gegenteil. Beckers Beschwerden werden nur noch schlimmer. Er geht zu einer anderen Ärztin, doch die weiß auch nicht weiter. Erst nach Monaten und mehreren Arztbesuchen erhält Becker die richtige Diagnose: Hinter Beckers Beschwerden steckt Morbus Crohn, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED).
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind langfristige Erkrankungen, die in Schüben wiederkehren. Meist erkranken Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahren. „Doch 10 bis 15 Prozent der Patienten erhalten im Alter über 65 Jahren erstmals die Diagnose“, sagt Dr. Andrea Pace, Chefärztin am Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster, in einem Beitrag der Pharmazeutischen Zeitung.
SCHWIERIGE DIAGNOSE
Das Problem: Im höheren Alter werden die Symptome oft mit anderen Erkrankungen verwechselt – etwa mit Divertikulitis, Reizdarm oder einer Infektion. Die typischen Anzeichen für CED wie chronischer Durchfall, Bauchkrämpfe, Müdigkeit und ungewollter Gewichtsverlust werden also häufig fehl- interpretiert. Hinzu kommt, dass ältere Menschen oft bereits andere Erkrankungen haben, die die Diagnose erschweren. Fehldiagnosen führen nicht selten zu falschen Behandlungen.Oft werden Magenschoner, Antibiotika oder sogar unnötige Operationen verschrieben. Doch viele Therapien, etwa Kortison, können unerwünschte Nebenwirkungen haben und bestehen- de Vorerkrankungen wie Osteoporose oder Bluthochdruck verstärken. Ein Teufelskreis, der durch eine falsche Diagnose und darauffolgende falsche Behandlung angestoßen wird.
Doch wie sieht die richtige Behandlung aus? Das Ziel bei der Behandlung von CED ist, Entzündungen zu reduzieren, Symptome zu lindern und mögliche Komplikationen zu verhindern. Dies kann durch Medikamente wie entzündungshemmende Mittel, Immunsuppressiva (Mittel zur Unterdrückung des Immun- systems) oder Biologika (darmfördernde Mikroorganismen) passieren. Manchmal ist auch eine Operation erforderlich, um geschädigtes Gewebe zu entfernen. Auch gesunde Ernährung trägt zur Behandlung bei.
DIE RICHTIGE THERAPIE IM ALTER
Nach seiner langen Ärzteodyssee erhält Klaus Becker endlich die richtige Therapie. Eine Kombination aus entzündungshem- menden Medikamenten und Ernährungsberatung brachte ihm Erleichterung. „Ich habe gelernt, mit der Krankheit zu leben“, sagt Becker heute. „Wichtig ist, sich nicht entmutigen zu lassen und einen Arzt oder eine Ärztin zu finden, die sich wirklich auskennen.“ Sein Rat an andere Betroffene: Bei anhaltenden Verdauungsbeschwerden unbedingt eine genaue Abklärung fordern und auch mal eine zweite oder dritte Meinung ein- fordern. Denn CED kann jeden treffen – in jedem Alter.
Michaela Schwarz